Alevitentum

Aynur Küçük, Cemalettin Özer

Das (aufgeklärte) Islamverständnis der Aleviten

Ein Beitrag zum Islam-Diskurs in Europa

 

Noch vor wenigen Jahren war das größte Bestreben der Aleviten in Deutschland der Kampf um Anerkennung. Die Probleme einer doppelten Marginalisierung äußerten sich einerseits durch die von der sunnitischen Mehrheit verursachte Ausgrenzung auch in der Diaspora und andererseits durch eine undifferenzierte Wahrnehmung im Aufnahmeland. Die lang ersehnte Anerkennung der Aleviten in Deutschland fand schließlich durch die Anerkennung als eine Religionsgemeinschaft nach deutscher Verfassung ihren Anfang. Nun aber, wo die Aleviten Bekanntheit erlangt haben und sich teilweise als wahrgenommen empfinden, findet ein zunehmender Prozess der Selbstdarstellung statt. Das zunehmend von außen geäußerte Interesse fordert Erklärungen über das Alevitentum. Dabei werden innerhalb der eigenen Gemeinde ganz verschiedene Fragen aufgeworfen. Einige von diesen münden in lang diskutierte Probleme.

 

„Die Aleviten bilden eine Glaubensgemeinschaft, die sich in ihrer Gründung auf die frühislamische Geschichte, d. h. die Leidensgeschichte der unmittelbaren Nachkommen des Propheten Mohammed und des Heiligen Ali, der Ehl-i Beyt, und in ihrer Praxis auf die islamische Mystik bezieht“,

 

heißt es im Rahmen eines kurzen Einblicks in die alevitische Glaubenslehre von Cafer Kaplan Dede[1] in der Vorstellung Alevitischer Mitgliedsgemeinden des Landesverbands Nordrhein-Westfalen der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. (AABF-NRW). Kaum ein Thema innerhalb der alevitischen Gemeinden hat in letzter Zeit für ähnlichen Aufruhr gesorgt wie das der Situierung des Alevitentums im Kontext des Islam. Die Frage, ob und inwiefern der alevitische Glaube als Glaubensrichtung im Kontext des Islam zu sehen ist oder ob er außerhalb des Islam steht, ist heiß umstritten und sorgt in den alevitischen Vereinen für Unruhe. In Internetportalen und anderen Veröffentlichungsformen gibt es unterschiedliche Stellungnahmen und Mitteilungen dazu. Warum aber gewinnt dieses Thema an Relevanz, warum steht es plötzlich zur Diskussion, welche Beweggründe sind vorherrschend bei der Verortung des Alevitentums innerhalb oder außerhalb des Islam, warum entstehen diese Diskussionen gerade in einer wichtigen Phase der Identitätsfindung der Aleviten in der Diaspora? Spielen Interessen einer Konfliktaufrechterhaltung innerhalb der alevitischen Gemeinde in Deutschland eine Rolle? Soll gar bewusst Verwirrung gestiftet werden?

Dieser Beitrag bietet im nun folgenden Abschnitt einen Ansatz zur Klärung dieser Fragen. Dabei wird er sich insbesondere der Entstehung des Alevitentums im Kontext des Islam mit besonderem Augenmerk auf den Nachfolger Muhammeds, Ali, widmen.[2] Der Abschnitt „Das aufgeklärte Islamverständnis der Aleviten“ wird einen näheren Einblick in das alevitische Glaubensverständnis und dessen Praktizierung bieten. Im darauf folgenden Kapitel gilt es, die doppelte Marginalisierung der Aleviten in Deutschland zu veranschaulichen, wobei es um die vergangene und heutige Situation der Aleviten in Deutschland geht. Der letzte Abschnitt versucht einige Handlungsempfehlungen zu formulieren. Insgesamt soll dieser Beitrag einen Überblick über das Alevitentum in seinen Anfängen, über seine Verortung im Blick auf den Islam und seine Situation im heutigen Deutschland geben.

 

Das Alevitentum als unverfälschter Islam?

 

Um die Entstehung des alevitischen Glaubens nachvollziehen zu können, bedarf es zunächst einiger kurzer Ausführungen zu der bedeutenden Rolle Alis bzw. des Ehl-i Beyt. Dabei werden wir uns sowohl auf ältere türkische Quellen als auch auf die modernere deutschsprachige Sekundärliteratur stützen.

In der für das Glaubensverständnis des Alevitentums charakteristischen Veröffentlichung aus dem Jahre 1976 von Derman „Gottes Löwe. König aller Heiligen“ (türk. „Allahın Arslanı. Evliyalar Şahı“) heißt es, dass Muhammed als Waise von seinem Onkel Ebu-Talib (Vater Alis) und dessen Frau Fatime bint-i Esed aufgenommen und liebevoll großgezogen wurde. Diese behandelte ihn wie ihr eigenes Kind. Eines Nachts, so die Überlieferung, träumte Fatime, dass ihr Haus sich mit einem göttlichen Licht füllte, die Berge um die Kaaba herum sich vor der Kaaba verneigten und dass ein Löwe geboren wurde. Fatime bint-i Esed war zu diesem Zeitpunkt bereits im vierten Monat schwanger. Der (spätere) Prophet Muhammed erkundigte sich bei Fatime, die er Mutter nannte, nach ihrem Wohlergehen, da sie ein wenig blass war. Sie berichtete ihm daraufhin von ihrer Schwangerschaft. Muhammed fragte: „Mutter, willst du mir dein ungeborenes Kind, wenn es ein Junge ist, schenken?“ Die Antwort lautete: „Bei Gott, dieses Kind ist mein Geschenk an dich“. Es heißt weiter, dass Muhammed Gott für das Wohl und die Gesundheit des Ungeborenen um Hilfe bat. Im neunten Monat der Schwangerschaft wurde Ali inmitten der Kaaba geboren: Alis heiliges Licht erschien. Weiterhin heißt es, dass Muhammed Ali seinen Erstnamen „Ali“ und Alis Mutter ihm seinen Zweitnamen „Haydar“ (Löwe) gab. So fing mit Alis Geburt die göttlich vorherbestimmte Wegbruderschaft Muhammeds und Alis an, die bis zum Tode des Propheten ungebrochen anhielt.[3]

Nach alevitischer Auffassung gibt Gott seit Adam sein göttliches Licht an die von ihm auserwählten Propheten weiter, in deren Leben sich dann eine heilige Kraft befindet. Dieses göttliche Licht teilte sich, als der Prophet Muhammed ausgewählt wurde, in zwei Lichter und leuchtete von da an sowohl auf der Stirn des Propheten als auch auf der Stirn Alis. Daher verkündete der Prophet, dass er und Ali aus einem identischen göttlichen Licht geschaffen seien, er den Auftrag als Prophet und Ali den als einzig rechtmäßiger Nachfolger und Weggefährte bzw. -bruder erhalten habe.[4] Ismail Kaplan spricht in diesem Sinne von einem göttlichen Licht, das als Heiligkeit zu verstehen sei; diese Heiligkeit befinde sich einzig beim Propheten und bei Ali: „Der heilige Mohammed sagte: ‚Das erste göttliche Licht sind ich und Ali.’“[5]

Die alevitische religiöse Poesie deyiş, die u. a. als wesentliche Überlieferung des alevitischen Glaubens gilt und damit seit Jahrhunderten die Grundlage alevitischer Gottesdienste (ayin-i cem) ist, unterstreicht die Vorstellung, dass Muhammed und Ali aus demselben göttlichen Licht geschaffen sind und beide folglich die Heiligkeit in sich tragen. So heißt es in einem deyiş von Şah Ismail Hatayi[6]:

 

Kudret kandilinde parlayıp duran

Muhammed Ali´nin nurudur vallah.

 

Bei Gott, das Licht der Macht,

welches funkelt aus der Quelle des Ursprungs,

ist das heilige Licht des Muhammed Ali.

 

Şah Hatayi’m der Muhammed Ali

Anlardan öğrendik erkanı yolu

Ali Muhammed’dir Muhammed Ali

Biz Muhammed Ali deyenlerdeniz …

 

Schah Hatayi sagt Muhammed Ali

Von ihnen haben wir den Glaubensweg erlernt

Ali ist Muhammed, Muhammed ist Ali

Wir gehören zu denen, die Muhammed Ali sagen [7]

 

Sökefeld erläutert das Verständnis der Aleviten von der gleichwertigen Heiligkeit Muhammeds und Alis ähnlich wie Ismail Kaplan: „Aleviten teilen mit Schiiten[8] die Auffassung, dass Ali der rechtmäßige Nachfolger des Propheten war, vom Propheten selbst eingesetzt und durch eine spirituelle Qualität vorherbestimmt.“[9] Kehl-Bodrogi umschreibt die heilige Kraft, die sich nach alevitischem Glauben außer in Muhammed auch in dessen Cousin und Schwiegersohn Ali befand, als Göttlichkeit und erklärt, dass dieses Verständnis nicht selten von orthodoxen Muslimen als „extrem“ eingestuft wurde: „Zu den aus orthodox-islamischer Sicht als ‚extrem’ charakterisierten Elementen im Alevitentum gehören die Lehre von der Göttlichkeit Alis und damit zusammenhängende Vorstellungen von der Seelenwanderung und der Inkarnation Gottes im Menschen“.[10]

Die AABK (Föderation der Aleviten Gemeinden in Europa e.V.) zitiert zur Veranschaulichung des alevitischen Glaubens Irene Melikoff, die die Literatur über die Aleviten wesentlich geprägt hat. Sie fasst alle Schilderungen mit einer Strophe von Şah Ismail Hatayi wie folgt zusammen:

 

Hatayi – der poetische Name des Schah Isma’ils – hat gesagt:

‚Küntü kenzen sırrı devrinde Muhammed Nuru var’

‚Im Zeitalter des versteckten Schatzes war es das Licht Mohammeds.’

Man darf sich also nicht wundern, dass zur Zeit des versteckten Schatzes der Himmelsgott der alten Türken einen muslimischen Namen erhielt und Ali heißt Ali.“ [11]

 

Die Besonderheit Alis scheint kaum ausschließlich darin begründet, dass er als Verwandter des Propheten gilt, sondern vielmehr darin, dass er gemeinsam mit Muhammed göttlich auserwählt wurde. Die Betonung der Untrennbarkeit von Ali und Muhammed wiederholt sich in nahezu allen alevitischen Überlieferungen. Sie ist die Basis des alevitischen Glaubens, dessen Kern sich als der Glaube an die Trinität Gott-Muhammed-Ali darstellt. Um die Bedeutung von Ali herauszustellen und zu zeigen, dass die Möglichkeit, Gottgefälligkeit zu erlangen, nur über diesen führt, greift Gülçicek auf das folgende Zitat des Propheten Muhammed zurück:

 

„Wer Ali lieb hat, liebt auch mich und wer mich lieb hat, liebt Gott. Wer Alis Feind ist, ist gleichzeitig mein Feind, und wer mein Feind ist, ist ohne Zweifel auch Gottes Feind.“[12]

 

So steht beispielsweise in Sure 42,23, dass Muhammed keine andere Haltung außer der aufrichtigen Liebe zu seinen Nächsten[13], sprich der Prophetenfamilie Ehl-i Beyt (nachfolgend näher erläutert), verlangt.[14] Als wegweisend für den Islam und damit bindend für alle Muslime müsste folgender Aussage Wert beigemessen werden, in der der Prophet Muhammed zwei wertvolle Weisungen nach seinem Tode ankündigt. Die eine Weisung ist, den Koran zu befolgen, die andere, dem Ehl-i Beyt als Wegweiser/geistige Führer Folge zu leisten.[15] Zum Ehl-i Beyt gehören fünf Personen, die auch pence-i ali aba genannt werden. Dazu zählen neben Muhammed selbst: Ali, Muhammeds Tochter Fatima und seine von Ali und Fatima abstammenden Enkelkinder Hasan und Hüseyin, mithin der Kreis seiner Nächsten um ihn.

 

„Sie sind zugleich der Ehl-i Beyt, d. h. das Hausvolk Mohammeds. Sie werden im Koran in der 33. Sure (Ahzab), Vers 33 als völlig gereinigte und vollkommene Personen zitiert. Wir Aleviten haben von ihnen unsere Glaubens-, Denk- und Lebensweise übernommen, gepflegt und bis heute erhalten. Diese von uns sehr geliebten Persönlichkeiten wurden wegen ihres Einsatzes für Liebe, Gerechtigkeit und für den Erhalt von ethischen und moralischen Gesetzen des Islam von ihren Gegnern unterdrückt, verfolgt und ermordet. Das gleiche Schicksal ergeht seit Jahrhunderten auch an den Aleviten.“[16]

 

Auch heute genießen das Ehl-i Beyt und die Geistlichen, die aus der Familie des Ehl-i Beyt stammen, besondere Achtung und gelten als einzige prädestiniert dazu, Wegbereiter und Wegbegleiter für ihre Talip (Schüler, Gläubige des Alevitentums) zu sein. Dabei wird zwischen Frauen und Männern kein Unterschied gemacht. Geistliche, die der Familie des Ehl-i Beyt angehören, werden Ana (Bezeichnung für Frauen) und Dede/Pir/Baba (Bezeichnung für Männer) genannt.

Da Muhammed nach alevitischer Vorstellung als Verkünder und Prophet des Islam gilt und eine Loslösung Alis vom Propheten undenkbar ist, kann die einzig mögliche Schlussfolgerung nur sein, dass das Alevitentum nicht außerhalb des Islam zu verstehen ist.

 

„Aleviten werden dabei diejenigen Gläubigen genannt, die den Schwiegersohn Ali des Propheten Mohammed als seinen rechtmäßigen Nachfolger ansehen. Alevi bedeutet: Von Ali abstammend, Anhänger Alis, vom Hause Ali. Ali ist der „Freund Gottes“ (Veliyullah). Ein Alevitentum ohne den Glauben an den heiligen Ali kann es nicht geben.“[17]

 

„Danach bezeichnet Alevi alle aus dem Stamme Alis oder, ganz in orientalischer Tradition, auch Angehöriger des Hauses Ali, Ali(evi).“[18]

 

„Zuallererst steht für die Mehrheit der Aleviten außer Frage, daß das Alevitentum dem Islam zugehört. Und zwar vertrete es eine Deutung des Islam, die direkt auf Ali zurückgehe, den der Prophet als seinen treuesten Weggefährten zu seinem Nachfolger im geistigen und weltlichen Amt designiert habe.“[19]

 

Spuler-Stegemann, die im Auftrag mehrerer Kultusministerien ein religionswissenschaftliches Gutachten zum Alevitentum erstellt hat, schlussfolgert in ihrer Bewertung:

 

„Streng nach religionswissenschaftlichen Kriterien beurteilt wäre das Alevitentum am ehesten als eine eigenständige synkretistische Religion mit besonderen Bezügen zum Islam zu bewerten. Da aber die heutigen Aleviten sich selbst mehrheitlich als Muslime verstehen und sowohl der türkische Staat als auch die Weltmuslimliga die Aleviten als Muslime gelten lassen, kann ein wissenschaftliches Gutachten sie nicht aus dem Islam ausgrenzen, sondern muss sie als eine eigenständige Größe innerhalb des Islam bezeichnen.“

 

Des Weiteren ergänzt die Gutachterin in Anlehnung an Onarlı Folgendes:

 

„Es reicht nicht aus, das Alevitentum in eindimensionale Schablonen zu pressen und es jeweils nur als eine religiöse oder kulturelle Lehre, einen toleranten Humanismus, der Frieden und Liebe will, oder als Volksbewegung, Bauernsozialismus, als Ideologie der Revolte zu definieren … Das Alevitentum ist das Ergebnis einer in Anatolien entstandenen Synthese, in die viele verschiedene Glaubensvorstellungen und Kulturen eingingen; es ist eine Lebensform, eine Glaubenslehre, ein kulturelles System und eine sozio-ökonomische Ordnung, die unter den Vorzeichen des Islam steht.“[20]

 

Die Entstehung des Alevitentums wird von Dursun Tan, ähnlich wie von Sökefeld und Kehl-Bodrogi, wie folgt erläutert: Das Alevitentum kann insofern im Kontext des Islam gesehen werden, als es sich insbesondere auf den Imam Ali, den Cousin und Schwiegersohn des Propheten Muhammed, beruft. Aus religionshistorischer Sicht ist das Alevitentum ein Zweig des schiitischen Islam, der sich jedoch grundlegend von der Zwölfer-Schia unterscheidet. Die Gemeinsamkeit von Aleviten und Schiiten liegt in der Überzeugung, dass Ali der rechtmäßige Nachfolger Muhammeds war, der vom Propheten selbst zum Nachfolger ernannt wurde. Ali war durch seine Spiritualität zum engsten Freund und Helfer Muhammeds geworden und zur Übernahme des Kalifats nach dem Tod des Propheten vorherbestimmt. Die drei Kalifen, die nach Auseinandersetzungen das Kalifat übernahmen und die sunnitische Tradition begründeten, werden weder von Schiiten noch von Aleviten als rechtmäßige Nachfolger Muhammeds anerkannt. Der rechtmäßige Nachfolger Muhammeds für die Schiiten und auch Aleviten ist Ali, dieser war der Erste in der Kette der Zwölf Imame.[21] Die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen Aleviten und Schiiten ist die Anerkennung Alis und des Ehl-i Beyts als rechtmäßige Nachfolger. Andere Glaubensinhalte und Glaubenspraktiken der Schiiten, zum Beispiel die Anerkennung der fünf Säulen des orthodoxen Islam, sind hingegen den Schiiten mit den Sunniten gemeinsam.

 

„Die Aleviten lehnen die ‚fünf Säulen’ fast ausnahmslos ab bzw. haben Äquivalente dafür, die vom orthodoxen Islam als ‚häretisch’ eingestuft werden. Das Glaubensbekenntnis der Aleviten lautet: ‚Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott, dass Muhammad sein Prophet und Ali sein Freund/Heiliger/Stellvertreter (wâlî) ist.’“[22]

 

Mit anderen Worten, die Ähnlichkeiten der Schiiten mit den Sunniten sind größer als die mit den Aleviten. Insgesamt betrachtet, macht das Glaubensbekenntnis der Aleviten, das sich in der Kurzform „Ya Allah, ya Muhammed, ya Ali“ äußert[23], die Bedeutung der Einheit von Gott, Muhammed und Ali deutlich.

Der Machtkampf, der bereits zu Lebzeiten des Propheten begann und nach seinem Tod die Nachkommenschaft des Ehl-i Beyt bedrohte, ist auch von vielen aufgeklärten sunnitischen Schriftgelehrten akzeptiert.[24] Bis heute haben Angehörige verschiedener Religionen immer wieder die Religion als Quelle der Macht erkannt und sie für ihre eigenen Zwecke nutzbar zu machen versucht. So bedient man sich ihrer auch dazu, das politische Machtmonopol zu sichern. Die breite Masse der Sunniten wird in Unwissenheit und andere werden sogar mit Hasspredigten über Ali und seine Nachkommen erzogen, sodass die Aleviten bei vielen als Ungläubige, als unreine Häretiker gelten.[25]

Die überwiegende Mehrheit der alevitischen Gelehrten und Geistlichen, so auch der Vorsitzende des AABF-Geistlichenrates, Cafer Kaplan, erklären das Alevitentum aufgrund der bisher aufgeführten Aspekte nicht nur zu einer Glaubensrichtung im Islam, sondern zu dem „wahren“ unverfälschten Kern des Islam.

Wie kommt es dann aber, dass vor allem junge Menschen in Europa, die sich als Aleviten bezeichnen, dennoch mit dem Islam nichts zu tun haben wollen und teilweise sogar so weit gehen, ein Schöpferverständnis (Gott) im Alevitentum abzustreiten? Rührt es daher, dass man sich von dem sunnitisch geprägten Islambild, das mit Terroranschlägen in Verbindung gebracht wird, distanzieren möchte, oder spielen auch hier wieder machtpolitische Faktoren eine Rolle?

Einflussnahme und Assimilierungsversuche vonseiten des Staates und verschiedener Organisationen kennt das Alevitentum in der Türkei seit eh und je. So gibt es Bestrebungen von Gruppen, die das Alevitentum sunnitisieren wollen, wie der „Ehlibeyt Stiftung“ in der Türkei, die u. a. von der regierenden AK-Partei und der „Milli Görüş-Bewegung“ unterstützt werden. Die „CEM-Stiftung“ wiederum hat eine türkisch-islamisch-nationalistische Sichtweise auf das Alevitentum. Die „Gülen-Bewegung“ versucht ihr Alevitentum zu schaffen bzw. die Aleviten zu spalten. Weitere ideologische Gruppen, die das Alevitentum beeinflussen bzw. nach ihren Interessen deuten wollen, sind die extrem linken Organisationen oder kurdische Organisationen. Nachdem das Alevitentum auf der Bühne der Weltöffentlichkeit, insbesondere nach dem Massaker in Sivas am 2. Juli 1993, in Erscheinung getreten ist, sehen sich die Aleviten genötigt, ihren Glauben zu erklären und sich gegen geschichtsverfälschende Bevormundungen medienpolitisch mächtiger Gegner zu wehren. Wie die jüngeren Entwicklungen in Europa, insbesondere in Deutschland, zeigen, werden dabei alevitische Grundlagen wie etwa ein Schöpferverständnis und der Glaube an die Zugehörigkeit zum Islam neuerdings von Aleviten selbst in Frage gestellt. Dies ist neu und verdient, an dieser Stelle näher in den Blick genommen zu werden.

Interessante Ausführungen zum Alevitentum und zu den Gründen, weshalb das Alevitentum außerhalb vom Islam stehen könnte, darüber hinaus aber sogar als „etwas“ verstanden werden könnte, das kein Schöpferverständnis/Gott kennt, hat Terkivatan vorgelegt.[26] Er überprüft die Zugehörigkeit des Alevitentums zum Islam und das alevitische Gottesverständnis anhand der Lehre der wahdat al-maudschud (Einheit alles Seienden), der er ein pantheistisches Welt- beziehungsweise Gottesverständnis unterstellt. So schreibt er:

 

„Der Pantheismus geht davon aus, dass Gott in allen Dingen lebt, sogar das Leben des Kosmos selbst ist, sodass schließlich Gott und die lebendige Natur zusammenfallen: Das All ist die Gottheit selbst. Gott ist die ‚Energie’, der Name für das Ganze, für die Einheit zwischen Menschen, Natur und Kosmos. Ein solcher Pantheismus führt letztlich dazu, dass die ganze Schöpfungslehre, die Eschatologie und überhaupt eine teleologische Vorstellung der Welt nichtig werden: Wenn es keinen Schöpfer und kein Geschöpf gibt, wenn also ‚Gottheit’ der Name oder das Zeichen für das All, für den Kosmos im ganzen ist, dann wissen wir nichts über den Anfang und das Ende des Kosmos. Das teleologische Modell wird zugunsten des Modells der Spirale, des Kreises ersetzt. Das Leben oder der Kosmos erwächst aus dem Tod. In diesem Sinne sagen Aleviten ana´l-haqq (Enel-Hak), um ihr Selbstverständnis zum Ausdruck zu bringen und ihre Identität zu charakterisieren. Der Ausdruck haqq in der Bedeutung von ‚Gott’, ‚Gottheit’, ‚Wahrheit’ oder ‚göttliche Wahrheit’ ist entsprechend der alevitischen Lehre wahdat al-maudschud der allgemeine Name für das All, für den Kosmos im Ganzen. Die für die alevitische Mystik konstitutive Lehre wahdat al-maudschud bedeutet wesentlich die Auflösung des onto-theologischen Dualismus zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Gott, Natur und Kosmos zugunsten eines Monismus in Form einer ‚Allgottheitslehre’, die wir bereits bei Xenophanes und Parmenides und später bei Spinoza finden. Der Kosmos und in concreto das Leben haben entsprechend dieses Selbstverständnisses keinen Anfang und kein Ende, sodass letztlich die Vorstellung eines allmächtigen, absolut transzendenten ‚Gottes’ als Schöpfer und Erlöser sowie die Eschatologie hinfällig werden.“[27]

 

Wie richtig dargestellt, sind nach pantheistischer Vorstellung Gott als Schöpfer und Erlöser und die Eschatologie nicht existent. Auf der Grundlage der pantheistischen Vorstellung schlussfolgert der Autor die Lehre des wahdat al-maudschud und verbindet dies mit dem alevitischen Selbstverständnis ana´l haqq (Enel Hak, wörtlich: „Ich bin die Wahrheit“), das im eigentlichen Sinne nur mit der alevitischen Lehre vahdet-i vücut („Einheit alles Seins“) in Verbindung zu bringen ist. Im Wesentlichen ist interessant, dass Terkivatan wahdat al-maudschud als bedeutende Lehre für die alevitische Mystik bezeichnet. An dieser Stelle muss jedoch deutlich herausgestellt werden, dass es nach alevitischem Verständnis keine Lehre gibt, die sich als solche bezeichnet, und dass somit die Möglichkeit ausgeschlossen ist, dass das Alevitentum einen Zusammenhang zum Pantheismus hat. Das alevitische Selbstverständnis von der „Einheit des Seienden“ wird als vahdet-i vücut (arab. wahdat al-wudschud) bezeichnet und basiert auf dem Ausspruch „Ich bin die Wahrheit“ (Enel Hak, arab. ana´l-haqq) von Ibn Mansur al-Halladsch.

 

„Der Mensch wird als ein Wesen betrachtet, das sich auf dem Weg zu Gott befindet, und auf diesem Weg unterschiedlich weit vorangekommen sein kann. Das Ziel ist der „gute bzw. vollkommene Mensch“ (kamil insan), der letztlich die Einheit mit Gott erreicht. Ähnlich wie der Sufismus unterscheidet das Alevitentum 4 Stufen auf dem Weg zu Gott, die als Stufen der Erkenntnis gedacht werden. Auf diesem Stufenweg können Menschen unterschiedlich weit voran kommen, und Aleviten gehen davon aus, dass sie die erste Stufe, die Scharia (türk.: Şeriat) bereits überwunden haben. Für sie gilt also der legalistische Islam nicht mehr. Während der ‚orthodoxe’ Islam Gott und die Menschen klar voneinander trennt, gibt es eine solche Trennung im alevitischen Verständnis letztlich nicht, bzw. das Ziel des alevitischen Weges (Alevi yolu) ist es gerade, diese Trennung aufzuheben. Hintergrund ist die Auffassung von der Einheit von Gott und Schöpfung, von der mystischen Einheit allen Seins (Vahdet-i vücut).“[28]

 

Die „Einheit allen Seins“, also die alevitische Lehre vahdet-i vücut, ist grundlegend von einer Lehre der wahdat al-maudschud zu unterscheiden. Der alevitische Glaube lehnt ein Verständnis, das Gott verleugnet, ab. Vahdet-i vücut meint im Vergleich zum von Terkivatan geschilderten wahdat al-maudschud, dass der Mensch mit Gottes Hilfe erkennen wird, dass Gott in seinem Herzen wohnt. Sobald er diese Erkenntnis erlangt hat, wird der Mensch versuchen das Ziel, ein insan-i kamil, also ein „guter bzw. vollkommener Mensch“ zu werden, zu erreichen. Dies wird er durch die vier Stufen der Erkenntnis[29] schaffen. Nachdem er das letzte Tor bzw. die letzte, höchste Stufe erreicht und die Vollkommenheit erlangt hat, wird er erkennen, dass Gott mit allem und jedem in Verbindung steht.

 

„Nach alevitischer Auffassung erscheint Gott den Menschen als die Wahrheit in verschiedenen Formen. Aleviten formulieren das folgendermaßen: „Nur diejenigen können diese Wahrheit sehen, die den Vervollkommnungsprozess durchmachen.“[30]

 

Der Mensch wird dann verstehen, dass Gott die einzig wahre Quelle ist, der alles entspringt und zu der alles wieder zurückkehrt. Wo er auch hinschaut, wird ihm Gottes Gesicht gegenwärtig sein. Durch die reine und vollkommene Liebe bedingt, wird er erkennen, dass Gott die einzige Wahrheit ist. Es wird die Erkenntnis kommen, dass das Universum und alles im Universum, Gott widerspiegeln. Der Ursprung für die vorhandene Ordnung im Universum, die nicht jedem augenfällige Weisheit Gottes, das sich ständig entwickelnde Universum, das nur durch eine harmonische Führung möglich ist, all die physischen Kräfte sind der Beweis für einen göttlichen Ursprung. In dem kleinsten Element bis hin zur Sphäre ist Gott existent. Was vahdet-i vücut im Gegensatz zu wahdat al-maudschud ausmacht, ist, dass Gott als Schöpfer nicht verleugnet wird, da er in allem gegenwärtig ist. Der Schöpfer ist als Ursprung von allem natürlich auch in allem gegenwärtig, aber der Mensch kann dies erst mit der Vollkommenheit erkennen. Es geht hier nicht darum, die Existenz Gottes zu verneinen, sondern durch eine Selbsterkenntnis und das Werden zum insan-i kamil zu Gott zu gelangen und ihn durch all das, was er geschaffen hat, zu erkunden.

Der grundlegendste Unterschied zwischen der Lehre des vahdet-i vücut und dem Pantheismus, aus dem Terkivatan die Lehre des wahdat al-maudschud folgert, ist der, dass der Pantheismus sich nicht religiös begründet, sondern auf philosophischen Theorien basiert. Zentral ist die Tatsache, dass der Pantheismus und wahdat al-maudschud nichts mit vahdet-i vücut und dem Alevitentum zu tun haben und eine Beschreibung des Alevitentums anhand einer nicht alevitischen Lehre (Pantheismus) völlig paradox und folgewidrig wäre.

Da allerdings Terkivatan wahdat al-maudschud auf das alevitische Verständnis Enel Hak bezieht, Enel Hak aber nur in Bezug zur alevitischen vahdet-i vücut-Lehre zu verstehen ist, gilt es, die Begründungen des Autors anhand der vahdet-i vücut-Lehre zu prüfen. Andernfalls wäre die kritische Auseinandersetzung mit den Gedanken des Autors nicht erforderlich, um die Verortung des Alevitentums zu verstehen. Daher werden im Folgenden die relevanten Argumentationen Terkivatans nicht an wahdat al-maudschud, sondern an der alevitischen Lehre des vahdet-i vücut geprüft.

In der von Terkivatan zitierten Passage stellt der Autor Kerngedanken des Alevitentums in eine Nähe zum Pantheismus von Philosophen wie Spinoza. Er sieht das Alevitentum aufgrund der Enel Hak-Lehre und damit des vahdet-i vücut als eine pantheistische Religion. Er erblickt hierin letztlich einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Alevitentum und dem aktuellen (sunnitischen) Verständnis des Islam. Unstrittig ist, dass das gängige Islambild sunnitisch geprägt ist und die Aleviten daher um Anerkennung zu kämpfen haben. Zum Erhalt dieser Anerkennung wird vermehrt die Bezugnahme auf das sunnitisch geprägte, gängige Islamverständnis gefordert. Wie können wir uns aber an einem solchen Verständnis prüfen, das wir nicht für das richtige halten?

Betrachtet man die alevitischen Lehren vahdet-i vücut und Enel Hak, so wird deutlich, dass die Lehre, in der es darum geht, dass Gott in allem und jedem gegenwärtig ist, nicht ausschließt, dass es einen einzigen Schöpfer gibt. Dies äußert sich darüber hinaus bereits im Kerngedanken des Alevitentums, dem Dreiklang Gott-Muhammed-Ali, sowie darin, dass die Aleviten von dem einzigen göttlichen Licht sprechen, das sich seit der Entstehungsgeschichte, also seit Adam, nur an auserwählte Propheten (Ausnahme Ali)[31] vergibt. Das alevitische Konzept von dem einzigen Schöpfer und seiner Gegenwärtigkeit in allem und jedem lässt sich nicht auf ein pantheistisches Verständnis reduzieren, dem zufolge die Vorstellung eines Schöpfergottes hinfällig würde. Zum Vergleich heranzuziehen wäre hier vielleicht nicht so sehr die Metaphysik Spinozas, sondern das platonische Konzept von den Emanationen einer sich in die Schöpfung ergießenden Gottheit.

Die Gottesauffassung der Aleviten lässt sich aber auch nicht auf die der Sunna begrenzen, in der Gott als weit entfernte, vor allem belohnende und strafende Instanz verstanden wird. Nach alevitischem Islamverständnis ergibt sich auf der Grundlage der Vorstellung, dass der einzige Gott in allem manifestiert ist, dass jeder Mensch und die Natur geliebt, toleriert werden müssen. Diese Auffassung steht für das Alevitentum im Zentrum des Islam und zeichnet es als humanistische, friedliche und (im Vergleich zu manchen Strömungen des sunnitischen Islam) besonders tolerante und aufgeschlossene Glaubensrichtung aus.

Man kann die Frage stellen, ob das Alevitentum nicht nur islamische Elemente (geprägt durch das sunnitische Islambild) in sich aufgenommen hat, sondern ob es nicht viele weitere Glaubenselemente aus anderen Religionen aufweist, die vor dem Islam bereits existent waren. Dazu ist zu sagen, dass es zwischen allen monotheistischen Religionen große Ähnlichkeiten gibt, wie z. B. die Goldene Regel bzw. das christliche Verständnis von „Nächstenliebe“ zeigen oder die Tatsache, dass nicht nur der Prophet Muhammed und sein Ehl-i Beyt einen schweren Leidensweg durchgemacht haben, sondern auch viele andere Propheten der monotheistischen Religionen, z. B. der Prophet Jesus. Dass im Glauben der Aleviten Züge anderer Religionen ebenfalls ihren Platz finden, kann nicht zu der Schlussfolgerung führen, dass die Aleviten außerhalb des Islam stehen. Schließlich lösen die verschiedenen religiösen Traditionen nicht einfach einander ab, sondern können sich wechselseitig ergänzen oder als Weiterführungen betrachtet werden. Folgerichtig erkennen auch die Aleviten vieles von früheren Propheten Verkündete als richtig an. Das heißt aber nicht, dass man sich von einer Religion trennen und sich einer anderen zuordnen sollte bzw. nach jahrhundertelang praktiziertem Glaubensverständnis plötzlich den Versuch unternehmen sollte, sich aus der Verwurzelung in der eigenen Tradition herauszulösen. Wie bereits Gülçicek in Anlehnung an Yunus Emre[32] richtig feststellt, wird

 

„Gott nicht außerhalb der Menschen gesucht, nicht im Himmel oder auf der Erde, sondern im Menschenherzen. ‚Gott-Mensch-Natur’ ist eins; Schöpfer und Geschöpfe sind in einem: ‚Wir lieben den Schöpfer im Erschaffenen.’ Wer den Menschen liebt, liebt auch Gott. Wer des Menschen-Herz verletzt, verletzt auch Gott: Yunus Emres und spätere alevitisch-bektaschitische Dichter, ihre Philosophie und Glaubensbekenntnisse verstehen wir bei den folgenden Zeilen:

 

‚Das Menschenherz ist Gottes Thron

Gott schaut ins Herz hinein

Es ist ein verhängnisvoller Mensch,

Wer ein Herz kränkt.’“[33]

 

Schließlich ist sich die überwiegende Mehrheit der Aleviten darin einig, dass der alevitische Glaube eindeutig dem Islam zugehörig ist. Erstmals in Europa stellt plötzlich eine überwiegend jüngere alevitische Generation das Alevitentum als außerislamische Glaubensrichtung dar. Das kann unterschiedliche Gründe haben, von denen einige mögliche hier erläutert werden.

Insbesondere die jüngere alevitische Generation in der Diaspora verfügt über nicht ausreichende Kenntnisse über das Alevitentum und ist damit leicht beeinflussbar bzw. auch gerne dazu bereit, sich vom sunnitisch geprägten und in Europa teilweise negativ eingeschätzten Islam zu lösen bzw. abzugrenzen.

Manche Gruppen haben die Tendenz, das Alevitentum aus seiner geschichtlichen Verbundenheit mit dem Islam zu lösen, um selbst eine eigene Definitionsmacht zu haben. Dabei müssen zwei Arten von politischem Interesse unterschieden werden: a) inneralevitisch: das Bestreben, aus der kulturellen Marginalisierung (im Verhältnis zum sunnitischen Islam) herauszutreten und das Alevitentum als eigene Religion zu profilieren; b) außeralevitisch: das Bestreben, das Alevitentum als unislamisch, als Abweichung von der wahren Lehre des Propheten darzustellen, indem z. B. versucht wird, dem Alevitentum den Monotheismus abzusprechen und Aleviten damit als Häretiker darzustellen.

Festhalten lässt sich, dass es nicht überzeugend ist, das Alevitentum vom Islam loslösen zu wollen, weil hier von einer für das Alevitentum grundlegenden Lehre, dem vahdet-i vücut („Ich bin die Wahrheit“), Gebrauch gemacht, die Lehre in ein pantheistisches Konzept verwandelt und in ihrem Kern entfremdet wird. Schließlich nennen die Aleviten den Namen Gottes, den seines Propheten Muhammed und den Alis als des eingeweihten und auserwählten Wegbruders Muhammeds in einem Atemzug.

Auch das Argument, dass das Alevitentum nicht zum Islam gehören könne, da es offenbar andere religiöse Elemente aufweise, ist nicht zwingend: Zwischen allen monotheistischen Religionen gibt es, wie erläutert, große Ähnlichkeiten. Je abweisender eine von einem Propheten verkündete monotheistische Religion gegenüber einer anderen monotheistischen Religion mit Propheten ist, desto zweifelhafter ist ihre Glaubwürdigkeit. Gemeinsamkeiten zwischen dem alevitischen und z. B. dem christlichen oder jüdischen Glauben können, so gesehen, die unverfälschte Nähe des Alevitentums zum Islam bestätigen.

Bei einer Beantwortung der Frage, ob das Alevitentum im Kontext des Islam oder außerhalb gesehen werden kann, sollte nicht in erster Linie ein sunnitisches Verständnis des Islam als Grundlage für die Urteilsfindung dienen. Viele der alevitischen Glaubenselemente wie Enel Hak oder vahdet-i vücut belegen nicht etwa, dass das Alevitentum keinen Bezug zum Islam hat, sondern unterstreichen das spezifisch alevitische Islamverständnis. Pointiert gesagt: Das Alevitentum steht keinesfalls außerhalb des Islam, sondern verkörpert die ursprünglichen Traditionslinien des toleranten, humanistischen und weltoffenen Islam unbedingter und kompromissloser als die sunnitische Tradition.

 

Das aufgeklärte Islamverständnis der Aleviten

 

Als zentrale Gestalt bei der Ausformung des Alevitentums benennen Dettling und Sökefeld Hacı Bektaş Veli, der Ehl-i Beyt[34]-Nachkomme ist und in der alevitischen Glaubenstradition einen Heiligenstatus besitzt. Der Mystiker aus dem Osten lebte im 13. Jahrhundert und ließ sich in Anatolien nieder. Auf ihn lässt sich der Bektaschi-Orden zurückführen. Der Lehre Hacı Bektaş Velis, z. B. von der Gleichheit der Geschlechter und vom Vorrang der Vernunft vor dem Dogma, werden zahlreiche weitere Merksätze zugeschrieben, die im alevitischen Glauben heute eine zentrale Rolle spielen.[35]

Vorhoff beschreibt das Alevitentum als eine Glaubensrichtung, die mit dem Islam vor 1400 Jahren entstand, um dann mit Hacı Bektaş Veli in Anatolien zur Reife zu gelangen. Das Alevitentum sei von Anfang an unbeirrt gegen Unmenschlichkeit vorgegangen und habe diese zu bekämpfen versucht. Hacı Bektaş Veli sei einer von denen, die mit dem Ideal, Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, im Zeitenwandel eine Personifizierung erlebt haben.[36] Folglich wird Hacı Bektaş als Veli (Heiligem) in der Heiligenverehrung eine besondere Stellung zugesprochen. Seine silsile (Traditionskette) wird bis auf den Propheten zurückgeführt.[37] Mit seinen Lehren gilt er als Begründer des modernen Alevitentums.

Hacı Bektaş Veli, geboren im Jahre 1209 in Chorasan (im Nordosten des Iran), gehört der 17. Generation Imam Alis an. Bereits in jungen Jahren begegnete er der islamischen Mystik, die einer anderen Auslegung des Islam folgt als der streng legalistische Scharia-Islam. Hacı Bektaş Veli verbreitete in Anatolien mit seinem Gedankengut Liebe unter den Menschen. Seine Gedanken waren für seine Zeit revolutionär. Er war als Vertreter des Humanismus, der Liberalität und der Toleranz bekannt, sodass er viele Menschen anzog.[38]

Spuler-Stegemann bezieht die gegenwärtige Wiederbelebung der alevitischen Religion auf die islamische Mystik und die Regeln des Bektaschi-Ordens und berichtet u. a. über das Streben, ein vollkommener Mensch (insan-i kamil) zu werden.[39]

Schließlich sollte es das Ziel eines jeden Aleviten sein, die vier Pforten und vierzig Stufen (Dört kapı kırk makam) zu durchlaufen, um so seiner Bestimmung auf der Erde gerecht zu werden[40], „die Annäherung an Gott“ zu erreichen und die göttliche Erkenntnis zu erlangen, wobei er zum Ziel hat, ein guter bzw. vollkommener Mensch zu werden. Das erste Tor zur Vervollkommnung nennt sich Şeriat. Das zweite Tor ist der mystische Weg, der sich Tarikat nennt. Das dritte ist marifet, das Tor der Erkenntnis. Das vierte und letzte Tor heißt Hakikat, das Tor der Wahrheit. Erst wenn der Mensch diese vier Tore und vierzig Stufen durchlaufen hat, wird er seinem Leben auf der Welt gerecht.[41] Dieser Weg lässt sich nur gehen, wenn man Gott so versteht, dass er als Schöpfer im Menschen manifestiert ist und jedem Menschen daher Liebe und Anerkennung gebühren. Der Weg zum einzigen Gott-Muhammed-Ali führt über die Liebe und Achtung zu allen Menschen.

Die alevitisch-bektaschitische Lehre sieht Gülçicek in Werten wie Liebe, Toleranz und Respekt repräsentiert. Er beschreibt sie als einen Glauben, der aus islamischer Mystik und der kultischen Verehrung des Imams Ali entstand. Der alevitisch-bektaschitische Glaube ist ein Orientierungsmodell für soziales Verhalten und eine humanistische Philosophie. Die Lehren besagen, dass der Mensch das wertvollste und reifste aller Geschöpfe ist. Unbezweifelbar lebt alles im Menschendasein, vorausgesetzt, der Mensch kennt diese Werte und lebt mit Würde. Die alevitisch-bektaschitische Kultur sucht ihre Erkenntnisse und Wahrheiten in der Wissenschaft. Die Lehre besagt, dass nur durch Wissen und Vernunft Licht in die Finsternis der Gedanken gebracht werden kann und dass nur durch Wissen und Vernunft Schlechtigkeit, Hass, Vorurteile und Ignoranz besiegt werden können. Wissen und Vernunft sind die Mittel, mit denen man zu Frieden, Freundschaft und Wohlstand gelangen kann. Gülçicek zitiert Hünkar Hacı Bektaş Veli wie folgt:

 

„Ein Weg ohne Wissenschaft endet in der Finsternis“.

 

„Jedes Gefäß wird beim Füllen enger, aber das Gefäß des Wissens wird immer breiter, wenn man es auffüllt“.[42]

 

In Hinblick auf den Inhalt der alevitischen Glaubensvorstellungen und der Glaubenslehre schreibt Taşcı, die Aydın/Karaduman zitiert, ähnlich wie Gülçicek auch, dass sich die alevitische Lehre auf Werte wie Liebe, Respekt und Toleranz gegenüber dem Anderen gründe. Ihre Ausführungen zur alevitischen Glaubenslehre und zu den Glaubensinhalten ergänzt Taşcı mit den Jenseitsvorstellungen im Alevitentum. Sie schreibt, dass der Jenseitsgedanke bei den Aleviten nur schwach ausgebildet sei, vielmehr im Inneren der Menschheit existiere. Mit anderen Worten: Gott ist in jedem Menschen gegenwärtig.[43]

Kehl-Bodrogi schreibt über die Jenseitsvorstellung im Alevitentum, dass jeder Mensch dem Göttlichen im anderen Menschen Rechnung zu tragen habe, denn die gelebte Welt sei entscheidend, weil der Mensch in ihr bestehen müsse. Die innige Verbindung zu Gott könne nicht durch rituelle Gebete, Wallfahrten und den Besuch der Moschee gefunden werden, sondern der Weg zu Gott führe über die Reinheit des Herzens und über das Erkennen des eigenen Selbst.[44] Damit ist der alevitische Glaube grundlegend vom sunnitischen und schiitischen Glauben zu unterscheiden. Nicht zuletzt wird der Kernbestand sunnitischer und schiitischer Glaubenspraxis, der sich nach sunnitischem und schiitischem Islamverständnis durch die „Fünf Säulen des Islam“ auszeichnet, nicht übernommen. Bei den fünf Säulen handelt es sich um: Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet (salat), Fasten im Monat Ramadan (saum), Sozialabgabe (zakat), Pilgerfahrt nach Mekka.“[45]

Eines der Unterscheidungsmerkmale zwischen Aleviten und anderen Islamangehörigen (Sunniten und Schiiten) zeigt sich beispielhaft an Folgendem: Aleviten beten nicht in Moscheen und nicht zu bestimmten Zeiten, sondern in ayin-i cems, in Kreisform, Frauen und Männer gemischt. Da Gott im Menschen manifestiert ist, ist nicht die Richtung nach Mekka für das Gebet entscheidend, sondern, als Wohnort Gottes, der Mensch mit seiner reinen Seele. Da nach alevitischem Verständnis immer die „reine Seele“ (can) und „das reine Herz“ (gönül) des Menschen und nicht sein äußerer Status bzw. das Geschlecht im Vordergrund stehen, ist die Frau dem Mann sowohl im ayin-i cem als auch im Alltag gleichgestellt. Eines der ayin-i cem-Rituale ist der Semah, der als religiös-ritueller „Tanz“ und Mittel, um zur göttlichen Ekstase, zur Einheit mit Gott zu gelangen, verstanden und praktiziert wird. Dabei tanzen Frauen und Männer gemeinsam, ohne sich zu berühren. Es geht im Kern um den Moment der erwähnten göttlichen Ekstase, die Vereinheitlichung von Mensch und Gott.

Näheres zu grundlegenden Verständnisunterschieden zwischen Aleviten und anderen islamischen Richtungen werden durch Dierl als Grundgedanken und Bektaschi-Geheimnis des Alevitentums in zwölf Punkten zusammengefasst:

 

„Es ist mehrfach:

1. Die Natur, das Universum, ist die sichtbare Gestalt Gottes.

2. Der Gott auf Erden ist der Mensch selbst.

3. Insbesondere zeigt sich (manifestiert sich) Gott im Supermenschen, im Übermenschen, im Perfekten Menschen.

4. Ali ist der Prototyp des Perfekten Menschen (es könnte theoretisch auch ein anderer sein).

5. Da Gott im Menschen selbst ist, widerspiegeln sich insbesondere im Gesicht des Menschen die Eigenschaften Gottes: Denken, Wille, Tat, Freisein.

6. Das wahre Gebet ist Nachsinnen über sich selbst. Weil Gott im Menschen selbst ist, Subjekt und Objekt der Anbetung zusammenfallen, ist ein rituelles Pflichtgebet, gerichtet auf ein Objekt außerhalb seiner selbst, nicht notwendig.

7. Als reiner Geist hat der Mensch eine geringere Denkkraft als die Engel; aber mit einem Körper hat er die Chance, eine größere Denkkraft als die Engel zu gewinnen.

8. Darum ist die Entfaltung der Körperlichkeit, der Sinnlichkeit notwendig, um den Geist auszuweiten, über die Engel hinauszusteigen. Erst mit dem Körper wird der Mensch zum „Perfekten“ Menschen.

9. Im Perfekten Menschen gewinnt Gott in diesem Universum die höchste Form des Selbstbewußtseins, schaut sich selbst.

10. Alle Emanationsformen Gottes kehren nach einem gigantischen Zyklus zu Gott wieder zurück, werden im UR-Gott, im WAHREN Gott, wieder vernichtet, der nach jedem Zyklus ein Mehr an Selbstbewußtsein, Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis bekommt.[46]

11. Mann und Frau sind ebenbürtig. Das Supreme beim Gottesdienst „(Ayin-i cem)“ ist der rituelle Tanz zwischen Mann und Frau.[47]

12. Der Bektaschismus ist eine populistische Ideologie der Nomaden, des einfachen Landvolks, der Soldaten, der hochgradigen, freigeistigen Intellektuellen.“[48]

 

Vorhoff wie auch Gülçicek, Taşcı, Kehl-Bodrogi und Dierl sehen im alevitischen Glauben Gott im Menschen manifestiert. Vorhoff schließt aus der Tatsache, dass im Alevitentum der Mensch als perfektestes Geschöpf gesehen wird, dass der Mensch immer im Zentrum des Interesses steht. Der Mensch als die Verkörperung Gottes ist heilig und nicht Sklave Gottes, sondern frei und folglich eigenverantwortlich. Aus der Tatsache, dass im alevitischen Glauben Gott in jedem Menschen gegenwärtig ist, folgert Vorhoff, dass das Alevitentum für ein sehr tiefes humanistisches Denken steht, das allen Menschen gleichermaßen Liebe und Achtung entgegenbringt.[49]

 

 

Aleviten in Deutschland: doppelte Marginalisierung

 

Die heterodoxe Einstellung der Aleviten zu religiösen und politischen Fragen hatte in der Vergangenheit (und hat zum Teil bis in die Gegenwart) zur Folge, dass die Aleviten als Ketzer stigmatisiert wurden. Sie war auch der Grund für die politisch begründete zeitweise Verfolgung im Osmanischen Reich. Aleviten wurden vielfach diskriminiert, sie wurden als ungläubig beschimpft, sie galten als unrein, weil sie nicht die rituelle Waschung durchführten. Das gemeinsame Beten von Mann und Frau wurde als „promisk“ gewertet. Aufgrund der Diskriminierungen, so Dursun Tan, wurden die Ayin-i Cems im Geheimen und meist zu später Abendstunde bei gedämpfter Beleuchtung veranstaltet. Dies waren u. a. Gründe dafür, dass die orthodoxen Muslime ihren sexuellen Phantasien und Beschimpfungen gegenüber Aleviten freien Lauf ließen. So lautete ein verbreitetes Vorurteil, dass im Cemevi (Gebetshaus der Aleviten) Sauf- und Sexorgien stattfänden. Zusammenfassend sieht Tan die Aleviten als die in der Türkei am meisten diskriminierte und marginalisierte Minderheit.[50]

Die Tatsache, dass die Aleviten heute noch – auch in Deutschland – mit Vorurteilen zu kämpfen haben, verdeutlicht Vorhoff anhand des mum söndü-Gerüchtes („die Kerze verlöscht“), das heute noch weit verbreitet ist. Aufgrund dieses Gerüchts stellen sich Sunniten vor, dass es bei den Aleviten Orgien mit grenzenloser Völlerei, Trunksucht und wahlloser geschlechtlicher Vereinigung gibt.[51]

Gümüş äußert sich über die Situation der Aleviten ähnlich. Obwohl sich diese mehrheitlich zur islamischen Religion bekennen, gelten sie bei vielen sunnitischen Muslimen in der Türkei und auch in Deutschland wegen ihrer unorthodoxen Auslegung des Islam als Ketzer. Gümüş stellt fest, dass die Aleviten je nach Zeitabschnitt, politisch-gesellschaftlicher Machtkonstellation und vorherrschender Ideologie einem Wechselbad von Verfolgung oder sogar Vernichtung ausgesetzt waren.[52] Er sagt zur Stigmatisierung der Aleviten:

 

„Die Alevi und Bektaschi werden von der gesamten islamischen Gesellschaft, sowohl von den orthodoxen Sunniten, als auch von den heterodoxen Sunniten, als auch von den Schiiten als Häretiker, Ungläubige und Nichtmoslems betrachtet. Trotz ihrem Widerspruch zum Islam versuchen sich die Aleviten nach außen hin als Moslems darzustellen. Sowohl der Terminus Kızılbaş[53] als auch der Terminus Alevi sind stigmabehaftet. Obwohl Alevi im 19. Jahrhundert benutzt wurde, um den negativ beladenen Terminus Kızılbaş zu überwinden, reichte dies nicht aus, um die Diskriminierung der Kızılbaş-Aleviten zu verhindern, da die Stigmatisierung der Aleviten von der muslimischen Mehrheit internalisiert und durch Kommunikation objektiviert wurde.“[54]

 

Ein Beispiel dafür, dass die Aleviten in der Türkei immer noch nicht in vollem Maße die Chance haben, ihre Identität zu leben, ist das Vereinsrecht, das kulturelle Heterogenität in der Türkei verbietet. In der Gründung alevitischer Vereine sieht die Türkei die Gefahr, dass damit die Einheit der türkischen Nation bedroht wird. Inkriminierter Tatbestand ist der Separatismus, der dann mit Strafen belegt ist. Damit ist die Gründung von Vereinigungen, die einen alevitischen Namen tragen, verboten.[55] Dreßler stellt ebenfalls die durchgängige Marginalisierung der Aleviten durch Verfolgung und Massaker fest und beschreibt die Situation der Aleviten und die ihnen verwehrte Teilnahme am öffentlichen Leben.[56] Wie aus solchen Hinweisen zu erkennen ist, sind die Aleviten in der Türkei eine religiöse Minderheit, die nicht selten stark stigmatisiert, diskriminiert und verfolgt wurde. Aleviten mussten ihre Identität verbergen. Ihr Glaube musste heimlich gelebt werden, denn ein Bekenntnis zum eigenen alevitischen Glauben hätte das Leben kosten können.

In den 1970er Jahren schlossen sich vermehrt alevitische Jugendliche zu linksrevolutionären Organisationen zusammen und bildeten eine starke Opposition gegen den türkischen Staat. Die alevitische Ideologie war fest mit politischer Linksorientierung besetzt, die Sunniten hingegen definierten[57] sich politisch als eher rechts. In den 1980er Jahren kam es vermehrt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen links und rechts, denen zahlreiche Aleviten zum Opfer fielen. In der Folge dieser politischen Entwicklung kamen viele Aleviten als Flüchtlinge nach Deutschland und suchten Asyl.

Benninghaus und Çetin/Shankland berichten über die Einwanderung der Aleviten nach Deutschland, dass diese bereits in den 1960er Jahren mit der Arbeitskraftanwerbung begann, und fahren fort, indem sie die Situation der Aleviten ähnlich wie Sökefeld aufgreifen. Sie schreiben, dass in den 1980er Jahren viele Aleviten in linken politischen Gruppierungen aktiv waren, verfolgt wurden und nach Deutschland kamen, um hier Asyl zu suchen.[58]

Ismail Kaplan schätzt die Zahl der Aleviten in Deutschland auf 600 000 bis 700 000. Die Aleviten, die sich durch Migration aus der Türkei nach Deutschland von der politischen und religiösen Unterdrückung befreien konnten, organisierten sich in Deutschland zunächst in Arbeitervereinen und Gewerkschaften. Der sunnitische Druck auf die Aleviten ließ jedoch auch in Deutschland nicht nach. Alevitische Mädchen trugen Kopftücher, um zwischen den Sunniten nicht aufzufallen, und besuchten aus Zwang Korankurse. Auch in Deutschland konnten die Aleviten zunächst ihre Religionsfreiheit nicht in vollem Maße genießen, sondern waren oft der Unterdrückung durch sunnitische Islamisten ausgesetzt.[59]

In der Gesamtbetrachtung der alevitischen Historie zeigt sich, dass die Aleviten seit langem um ihre Anerkennung nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland kämpfen. Sökefeld fasst ihre Situation in Deutschland als eine jahrzehntelange „Nicht-Wahrnehmung“ der Aleviten zusammen. Er nennt zwei Gründe. Der eine ist, dass Migranten in Deutschland oft sehr generalisierend betrachtet wurden. Es wurden keine Unterschiede gemacht, sie galten als Ausländer oder einfach als Fremde. Der andere Grund ist, dass die Aleviten selbst bemüht waren, unter den Einwanderern aus der Türkei nicht aufzufallen. Sie führten die Leugnung ihrer Identität auch in Deutschland fort. Sökefeld erläutert, dass die Aleviten takiye praktizierten und ihre eigene Zugehörigkeit verheimlichten. Takiye beschreibt er folgendermaßen:

 

Takiye ist eine defensive Strategie, die das Ziel hat, nicht aufzufallen, und die verwendet wird, um in einer ablehnenden und potentiell feindlichen Umwelt, die Verleumdungen für bare Münze nimmt, möglicher Verfolgung zu entgehen.“[60]

 

Die noch anhaltende Angst war das Ergebnis langjähriger Erfahrung mit Verfolgung, Diskriminierung und Marginalisierung. Erst Ende der 1980er Jahre entstanden alevitische Bewegungen gegen Diskriminierung in Deutschland und in der Türkei und forderten Anerkennung.[61] Seitdem haben sich die Aleviten zunehmend organisiert. In Deutschland gab es im Jahre 2004 in mehr als 110 Städten ca. 120 alevitische Gemeinden. Der alevitische Dachverband vereinte im Jahre 2004 96 Gemeinden. Die alevitischen Föderationen in den europäischen Ländern haben im Jahre 2002 die „Alevitische Union Europa“ gegründet, die im Jahre 2002 170 alevitische Gemeinden verband. Nach Ismail Kaplan werden die Interessen von ca. einer Million Aleviten durch die Alevitische Union Europa vertreten.[62]

Wie aus dem zunehmenden Organisiertsein der Aleviten in Europa und insbesondere in Deutschland hervorgeht, sind die Aleviten, was die takiye angeht, inzwischen weit davon entfernt, ihre Identität verbergen zu wollen. Im Gegenteil, sie scheinen sich zu einer bedeutenden sozialen Bewegung zusammengeschlossen zu haben, die Anerkennung fordert.

 

 

Handlungsempfehlungen zum Umgang mit unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen

 

  1. In Statistiken zum Islam sollten die unterschiedlichen Glaubensrichtungen berücksichtigt und genannt werden.
  2. In der Bezeichnung und Beschreibung des Islam sollte man die unterschiedlichen Gruppen berücksichtigen und benennen.
  3. Bei Untersuchungen und Forschungen zum Islam sollte man nicht nur sunnitische und schiitische schriftliche Quellen heranziehen.
  4. Religionsunterricht in Schulen sollte als ein interreligiöses Angebot mit Inhalten aus allen Religionen oder differenziert nach Glaubensrichtungen angeboten werden.
  5. Politik und Verwaltung sollten keine Gruppe aufgrund der Mehrheitsverhältnisse als Alleinvertreter einer Religion akzeptieren, sondern die Ansprechpartner unterschiedlicher Glaubensrichtungen anerkennen. Es kann keinen alleinigen Ansprechpartner des Islam in Deutschland bzw. Europa geben.
  6. Bei interreligiösen Dialogveranstaltungen, Arbeitskreisen u. a. sollte man Vertreter und Vertreterinnen aller Glaubensrichtungen berücksichtigen und einladen.
  7. Bei der Förderung und Einbeziehung in staatliche Programme sollte man alle Glaubensrichtungen des Islam berücksichtigen.
  8. Bei staatlichen Gedenk- und Festtagen sind Vertreter und Vertreterinnen aller Gruppen einzuladen.


[1] Cafer Kaplan Dede ist Vorsitzender des Geistlichenrats der Alevitischen Gemeinde Deutschland. Der Geistlichenrat besteht aus zwölf Geistlichen und einem Vertreter des Vorstands der AABF. Der Vorsitzende ist ordentliches Mitglied des AABF-Vorstands und hat dort Rede- und Stimmrecht. Der Geistlichenrat hat die religiöse Betreuung der AABF-Mitglieder zu leisten und für die Fortbildung der Geistlichen zu sorgen (vgl. Ursula Spuler-Stegemann, Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft? Religionswissenschaftliches Gutachten erstattet dem Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen, Köln 2003, 47f).

[2]„Hz.“ ist die Abkürzung für „Hazreti“ und bedeutet „heilig/Heiliger“.

[3] Vgl. Mehmet Ali Derman, Allahın Arslanı – Islam tarihinden bir yaprak. Evliyalar Şahinin 2´nci cildi, Istanbul 1976, 11f.

[4] Vgl. ebd., 7.

[5] Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum. Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Köln 2004, 124.

[6] Vgl. Uludağ sözlük, Şah Hatayi deyişleri, www.uludagsozluk.com/k/sah-hatayi-deyisleri. (Wenn nicht anders angegeben, wurde am 18.4.2010 zuletzt auf die angegebenen Internetseiten zugegriffen.) Hatayi ist einer der sieben heiligen Volksdichter der Aleviten, im Allgemeinen alevitischen Verständnis aber auch ein Sprachrohr Gottes aufgrund des „Eingeweihtseins“ (ermiş – verschmolzen mit Gott).

[7] Im Sinne von differenzierend und zugleich bekennend gegenüber anderen islamischen Glaubensrichtungen wie beispielsweise dem Sunnitentum, die Ali einen nicht so hohen geistlichen Rang zumessen.

[8] Zum Unterschied zwischen Aleviten und Schiiten siehe unten S. 126.

[9] Martin Sökefeld (Hg.), Aleviten in Deutschland. Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora, Bielefeld 2008, 10.

[10] Krisztina Kehl-Bodrogi, „Was du auch suchst, such es in dir selbst“. Aleviten (nicht nur) in Berlin, Berlin 2002, 23.

[11] Vgl. Irene Melikoff, Grundlagen des Bektaschismus und Alevitentums, 2007, www.aabk.info.

[12] Ali Duran Gülçicek, Der Weg der Aleviten (Bektaschiten). Menschenliebe, Toleranz, Frieden und Freundschaft, Köln 21996, 49.

[13] „Nächste“ im Sinne der Personen (Ehl-i Beyt), durch die eine Gottverwirklichung erlangt werden kann.

[14] Vgl. Yaşar Nuri Öztürk, Der Koran. Sure 42, Vers 23, 2007, www.kuran.gen.tr/?x=s_main&y=s_middle&kid=2&sid=42.

[15]Vgl. Allame Emini (1998): Gadir-i Hum. Özetle El-Gadir, übersetzt von Seyid Ali Hüseyini, Bahri Akyol, Islami Kültür ve İlişkiler Merkezi Tercüme ve Yayın Müdürlüğü, 38f.

[16] Vgl. Selami Ateş, Wir Aleviten, 2010, www.cemfederasyonu.org/almanca_yazi_devam.asp?id=109.

[17] Vgl. Varol Eren, Die wahre und reine Form des Islam, 2010, www.cemfederasyonu.org/almanca_yazi_devam.asp?id=108; Ali Duran Gülçicek, Der Weg der Aleviten, a.a.O., 50.

[18] Vgl. Dursun Tan, Aleviten in Deutschland. Zwischen Selbstethnisierung und Emanzipation, in: Gerdien Jonker, (Hg.), Kern und Rand. Religiöse Minderheiten aus der Türkei in Deutschland, Berlin 1999, 65.

[19] Vgl. Ursula Spuler-Stegemann, Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?, a.a.O., 19f, in Anlehnung an Vorhoff.

[20] Vgl. ebd., 21.

[21] Vgl. Dursun Tan, Aleviten in Deutschland, a.a.O., 66. Siehe auch Martin Sökefeld (Hg.), Aleviten in Deutschland, a.a.O., 10, und Krisztina Kehl-Bodrogi, „Was du auch suchst, such es in dir selbst“, a.a.O., 23.

[22] Vgl. Ursula Spuler-Stegemann, Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?, a.a.O., 28.

[23] Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum, a.a.O., 38.

[24] Vgl. Yaşar Nuri Öztürk, Der verfälschte Islam. Eine Kritik der Geschichte islamischen Denkens, Düsseldorf 2007, 13.

[25] Vgl. Markus Dreßler, Die alevitische Religion. Traditionslinien und Neubestimmungen, Würzburg 2002, 243f, 249-252; Burak Gümüş, Aleviten in Deutschland erzählen. Ethnologische Randnotizen und Einblicke in die Alltagssituation von türkisch-alevitischen Migranten, Darmstadt 2007, 1; Hakı Gürtaş, Mythen und Rituale des Alevitentums, Konstanz 2005, 24; Dursun Tan, Aleviten in Deutschland, a.a.O., 70f; Martin Sökefeld (Hg.), Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz. Neue Perspektiven auf Einwanderer aus der Türkei, Bielefeld 2004, 166f; Karin Vorhoff, Zwischen Glaube, Nation und neuer Gemeinschaft. Alevitische Identität in der Türkei der Gegenwart, Berlin 1995, 69.

[26] Vgl. dazu seinen Beitrag in diesem EZW-Text

[27] Vgl. Ahmet Terkivatan, Grundlegende Merkmale des Alevitentums, 2008, www.aagb.net.

[28] Vgl. Martin Sökefeld (Hg.), Aleviten in Deutschland, a.a.O., 17f.

[29] Das Ziel kann nur durch das Durchlaufen der vier Tore und vierzig Stufen (Dört kapı kırk makam) erreicht werden, siehe dazu unten S. 134.

[30] Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum, 2004, http://aabk.info(2.6.2010).

[31] Siehe oben S. 121f.

[32] Yunus Emre ist ein bekannter geistlicher Führer und Dichter, der nach alevitischem Verständnis die Gottverwirklichung erlangt hat und dies in seinen religiösen Dichtungen (deyiş) zum Ausdruck bringt. Yunus Emre wird von Gülçicek, ähnlich wie andere alevitisch-bektaschitische Dichter auch, als ein „Mensch der Wahrheit“, nicht der Scharia, beschrieben. Vgl. Ali Duran Gülçicek, Der Weg der Aleviten, a.a.O., 136.

[33] Vgl. ebd.

[34] Siehe zum Ehl-i Beyt oben S. 121, 124.

[35] Vgl. Wilfried Dettling, Die anatolischen Aleviten in Deutschland – Partner für den interreligiösen Dialog, in: Herder Korrespondenz 62 (10/2008), 528; Martin Sökefeld (Hg.), Aleviten in Deutschland, a.a.O., 10f. Hacı Bektaş Veli wird von Kaplan als Gründer des anatolischen Alevitentums bezeichnet.

[36] Vgl. Karin Vorhoff, Zwischen Glaube, Nation und neuer Gemeinschaft, a.a.O., 119.

[37] Vgl. Ursula Spuler-Stegemann, Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?, a.a.O., 33.

[38] Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum, a.a.O., 127.

[39] Vgl. Ursula Spuler-Stegemann, Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?, a.a.O., 33.

[40] Vgl. Ali Duran Gülçicek, Der Weg der Aleviten, a.a.O., 91-95.

[41] Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum, a.a.O., 47-54.

[42] Vgl. Ali Duran Gülçicek, Der Weg der Aleviten, a.a.O., 15f.

[43] Vgl. Hülya Taşcı, Identität und Ethnizität in der Bundesrepublik Deutschland am Beispiel der zweiten Generation der Aleviten aus der Republik Türkei, Berlin 2006, 99.

[44] Vgl. Krisztina Kehl-Bodrogi, Die Kızılbaş/Aleviten. Untersuchungen über eine esoterische Glaubensgemeinschaft in Anatolien, Berlin 1988, 122.

[45] Vgl. Ursula Spuler-Stegemann, Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?, a.a.O., 27f.

[46] An dieser Stelle meint Dierl den Reinkarnationsprozess, an den die meisten Aleviten glauben. Der Grund dafür, dass Dierl keine Zahl für die Häufigkeit der Reinkarnationen angibt, liegt wahrscheinlich darin, dass im Alevitentum die Reinkarnation nicht mit einer bestimmten Anzahl an Wiedergeburten abschließt, sondern erst mit der Vollkommenheit. D. h., der Mensch wird so oft geboren, bis er sich den Weg zu Gott gebahnt hat und zum perfekten (guten) Menschen geworden ist. Das erläutert Kaplan wie folgt: Der Mensch muss nach seiner Vervollkommnung und Perfektheit streben, um göttliche Erkenntnis zu erlangen, mit dem Ziel, ein guter (das finde ich besser als vollkommen, was sagst du dazu?) bzw. vollkommener Mensch (insan-i kamil) zu werden. Das Ziel kann nur durch das Durchlaufen der vier Tore und vierzig Stufen erreicht werden.

[47] Ayin-i Cem ist die Versammlung zum religiösen und gesellschaftlichen Ritual, in dem die Gebete stattfinden und in dem u. a. der Semah getanzt wird. Vgl. Hakı Gürtaş, Mythen und Rituale des Alevitentums, a.a.O., 99. Den Semah beschreibt Karolewski als ein Element des Miraclama (Himmelfahrt Muhammeds), der von Muhammed auf dem Weg zurück von der Himmelfahrt gemeinsam mit den Vierzig Heiligen (Kırklar Meclisi) durchgeführt worden sei. Der Semah wird von Männern und Frauen während eines Ayin-i Cem zum schneller werdenden Spiel der Saz getant. Es gibt zwei Interpretationen des Semah, die Karolewski in Anlehnung an Gülçicek als eine Darstellung der Bewegung von Sonne und Mond versteht, in deren Verlauf sich der Mensch seinem tiefen inneren Gott nähert, und in Anlehnung an Kaplan als eine Erinnerung an die Himmelfahrt Muhammeds und das Leiden der Zwölf Imame begreift. Vgl. Janina Karolewski, Ayin-i Cem – das alevitische Kongregationsritual. Idealtypische Beschreibung des Ibadet ve Ögreti Cemi, in: Robert Langer/Raoul Motika/Michael Ursinus (Hg.), Migration und Ritualtransfer. Religiöse Praxis der Aleviten, Jesiden und Nusairier zwischen Vorderem Orient und Westeuropa, Frankfurt a. M. 2005, 128.

[48] Vgl. Anton Josef Dierl, Geschichte und Lehre des anatolischen Alevismus-Bektasismus, Frankfurt a. M. 1985, 29f.

[49] Vgl. Karin Vorhoff, Zwischen Glaube, Nation und neuer Gemeinschaft, a.a.O., 116.

[50]Vgl. Dursun Tan, Aleviten in Deutschland, a.a.O., 70f.

[51] Vgl. Karin Vorhoff, Zwischen Glaube, Nation und neuer Gemeinschaft, a.a.O., 69.

[52] Vgl. Burak Gümüş, Aleviten in Deutschland erzählen, a.a.O., 1.

[53] „Kızılbaş“ ist ein anderes Wort für „Alevit“ und wurde von sunnitischen Machthabern verbreitet. Mit diesem Begriff ist ebenfalls eine Stigmatisierung verbunden; er sollte die Aleviten als unmoralisch und als Ketzer diskriminieren. Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum, a.a.O., 182.

[54] Vgl. Haki Gürtaş, Mythen und Rituale des Alevitentums, a.a.O., 24.

[55] Vgl. Martin Sökefeld (Hg.), Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz, a.a.O., 166f.

[56]Vgl. Markus Dreßler, Die alevitische Religion, a.a.O., 243f, 249-252.

[57] Vgl. Martin Sökefeld (Hg.), Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz, a.a.O., 167.

[58] Vgl. Rüdiger Benninghaus, Friedhöfe als Quellen für Fragen des Kulturwandels. Grabkultur von Yeziden und Aleviten in Deutschland mit Seitenblick auf die Türkei, in: Robert Langer/Raoul Motika/Michael Ursinus (Hg.), Migration und Ritualtransfer, a.a.O., 265; Atila Çetin/David Shankland, Aleviten in Europa, in: Martin Sökefeld (Hg.), Aleviten in Deutschland, a.a.O., 223.

[59] Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum, a.a.O., 25f.

[60] Martin Sökefeld (Hg.), Aleviten in Deutschland, a.a.O., 9.

[61] Vgl. ebd.; Krisztina Kehl-Bodrogi, „Was du auch suchst, such es in dir selbst“, a.a.O., 37.

[62] Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum, a.a.O., 26.